2008:
Lothar Müller
Vom Reizklima
des Misstrauens

Lothar Müller
dessen Kritiken, Essays und Studien auf glückliche und heute selten gewordene Weise sinnliche Anschauung, elegante Prosa und theoretische Reflexion verbinden, dessen kenntnisreiches und genaues, zugleich oftmals in leichtem, humorvollem Ton entwickeltes Urteil den immer stärker auf das Hier und Jetzt verengten Horizont der Betrachtung deutscher Gegenwartsliteratur in Raum und Zeit weitet.«
»Es hilft nichts, über die Boulevardisierung des Feuilletons zu lamentieren, wenn die ästhetische Kritik in der Rivalität um die Definitionen von Aktualität und Zeitdiagnose gar nicht erst antritt.«Aus: Lothar Müller: »Kritik des Augenblicks«, in: Thomas Steinfeld (Hg.): »Das Feuilleton und die Zukunft der kritischen Öffentlichkeit in Deutschland«, Frankfurt a.M. 2004.
»Müller entwickelt Form und Struktur, in denen er Moritz ins Hier und Jetzt holt, aus dessen eigenen Schriften. Schon der Titel»Karl Philipp Moritz-ABC. Anregungen zur Spruch-, Denk- und Menschenkunde« ist Understatement und List zugleich, dem Leser wird die Rolle des ABC-Schützen angetragen. Es entsteht nicht nur ein Lesebuch. Die Artikel von ›Academie‹ bis ›Zerstörung‹ werden kommentiert und erläutert. Der Wissenschaftler nimmt die Rolle des vermeintlichen Fußnotenlieferanten ein. Doch aus dieser zurückgezogenen Position schreibt Müller knappe Essays, die konzentriert sind wie ein Lexikonartikel, lesbar wie eine Glosse und nicht nur erhellend für das Verständnis von Moritz und des späten 18. Jahrhunderts, sondern auch für unser Hier und Jetzt.«
»In seiner Teilhabe an der Debatte über Rousseau, die den Gärstoff der modernen Kulturkritik freisetzte, wird etwas über Merck Hinausweisendes greifbar. Es ist das, was ihn mir bedeutend macht und was mich zu der Epoche, in der er lebte, immer wieder zurückkehren lässt. Als These formuliert, klingt es so: Der literarische und theatralische Enthusiasmus konnte in Mercks Epoche nur so groß sein, wie er war, weil diesem Enthusiasmus ein nicht minder hochfahrendes Misstrauen in Literatur und Theater die Waage hielt. Sie war eine große Epoche der Kultur, weil sie sich der ins paradoxe Extrem getriebenen Kritik an der Kultur zu erwehren hatte. ...
... Aber das Misstrauen gegen die Kultur, gegen die Romane, gegen das Theater führte weder auf die Bäume zurück noch zur Rücknahme der Alphabetisierung, noch erschöpfte es sich in Naturschwärmerei. Es beflügelte die Kultur, die Romane, das Theater, es bestärkte das ständige Rumoren der Literaturkritik im Innern der Literatur selbst. (...) Das Misstrauen will wissen, wie es im Innern des Objektes zugeht, dem sein Argwohn gilt, dem es alle möglichen Risiken und unerwünschten Nebenwirkungen zutraut. Es ist die große Schule des Formbewusstseins, der Einsicht in die Literatur als Machwerk. Es ist die Schule auch der modernen Literaturkritik.«

Aus der Serie »Arbeitsplätze«, 2013/4
© Foto: Isolde Ohlbaum

