2005:
Hans Keilson


Durch das Wort erlösen

Vorstellungsrede von Hans Keilson
vor dem Kollegium der Akademie,
Herbsttagung 2000
Dauer: 12:46 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
© Foto: Isolde Ohlbaum

»Wie der Arzt seiner Arbeit nicht nachkommen kann, wenn er nicht fest daran glaubt, daß es eine Heilung für seinen Patienten gibt, so scheinen mir auch sämtliche schriftstellerischen Arbeiten Keilsons aus dem Impuls geboren zu sein, durch das Wort zu lösen, ja zu erlösen, das Verdrängte, in Ambivalenzkonflikten Verborgene herauszulösen und durch offene Aussprache von Kämpfen und Krämpfen zu erlösen. (...) Nur durch sprachliche Durchdringung ist das Unfaßbare, wenn überhaupt, auszuhalten. Doch bei Hans Keilson kommt noch eine Kategorie hinzu: die der Überwindung. Man muß in der deutschen Literatur, und schon gar in der Literatur unserer Tage, lange suchen, um diesen Glauben an Überwindung und Heilbarkeit zu finden. ›Von der Gewalt, die alle Menschen bindet, befreit der Mensch sich, der sich überwindet‹, heißt es in Goethes Fragment ›Die Geheimnisse‹. Und sehr goethisch gedacht ist es, wenn Hans Keilson in einem seiner autobiographischen Essays sagt, vor allem sein Tod eines Widersachers von 1959 sei ein ›verzweifelter Versuch‹ gewesen, den Riß, der seit dem Aufkommen eines mörderischen Antisemitismus durch die Welt geht, ›aufzuspüren und vielleicht – durch den Geist? – zu heilen‹.«

Tilman Krause in seiner Laudatio »Bekenntnis zum bürgerlichen Humanismus«

»Sie sind ja alle, die Lyrik der dreißiger Jahre, das Langgedicht Einer Träumenden von 1943, die Erzählung Komödie in Moll von 1947, die literarischen und sozial­psychologischen Essays der achtziger und neunziger Jahre, die entstehen, als das große wissenschaftliche Hauptgeschäft abgeschlossen ist, nämlich jene bahn­brechende Studie über die Verstörungen von Kindern, die den Holocaust überlebt haben, welche 1979 erscheint: Sie sind ja alle aus traumatischen Situationen hervorgegangen, antworten auf traumatische Situationen. Seien diese nun das Geworfensein in eine neue, fremde Lebenssphäre, der Verlust des eigenen Kindes, die existenzbedrohende Tätigkeit als Kurier und Therapeut im Untergrund

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oder allgemein die Katastrophe von Auslöschung und Vernichtung der europäischen Juden, die ja erst nach 1945, also nach dem nackten Kampf ums Überleben, mit ihrer ganzen Wucht ins Bewußtsein dringt. Hans Keilson schreibt dazu in einem seiner Essays: ›Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann die Zeit der Trauer, einer Trauer, die nicht endet.‹ Und er gesteht an anderer Stelle, erst mit seiner bahnbrechenden Studie über die ›sequentielle Traumatisierung‹ habe er 1979 ›Kaddisch gesagt, das Totengebet, das ich lange nicht sprechen konnte‹.«

Tilman Krause in seiner Laudatio
Vor Beginn der Preisverleihung am 5. November 2005,
(v. l.) Peter Sloterdijk (Freud-Preis) und sein Laudator Boris Groys,
Marita Keilson-Lauritz, Hans Keilson und sein Laudator Tilman Krause
© Foto: Isolde Ohlbaum

»Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay 2005

Hans Keilson

dem Essayisten und Wissenschaftler, dem Dichter und Erzähler, der in seinem vielseitigen Werk Psychologie, Poesie und Kritik zusammengeführt hat zu einer scharfblickenden Analyse der Zivilisationsbrüche des 20. Jahrhunderts und zu einem künstlerisch und moralisch gleichermaßen bewegenden Zeugnis der Humanität.«

Urkundentext
Hans Keilson und Klaus Reichert
bei der Übergabe der Urkunde
© Foto: Isolde Ohlbaum

»Die Verleihung erfüllt mich mit Freude. Sie erweckt Erinnerungen in mir und stimmt mich zugleich nachdenklich, vor allem über Mercks Formulierung: ›dem Wirklichen eine poetische Gestalt zu geben‹. Ich frage mich: Was ist oder war ›das Wirkliche‹ in meinem Leben? Zu diesem ›Wirklichen‹ meines Lebens gehört jedenfalls die Shoa und das spezifische Verhältnis von Verfolgern und Verfolgten, das zum Holocaust geführt hat. ...

Hans Keilson bei seiner Rede
© Foto: Isolde Ohlbaum

... Es war mein Anliegen, dieses komplizierte, abgründige Verhältnis im Tod des Widersachers auszuloten. Was Menschen anderen und oft zugleich damit sich selbst antun, was man ›man made disaster‹ nennt, ist eine verzwickte, verwirrende Geschichte. Das Wirkliche ist nicht mehr so einfach zu erzählen, denn es ist das Problematische. Das mehrschichtige Verhalten und Agieren des Menschen scheint mir in einem eindimensionalen, handlungsorientierten Erzählen nicht mehr gestaltbar zu sein ohne eine grundlegende essayistische Reflexion in corpore, die das Wirkliche erst erzählbar macht. Vielleicht ist dies das Signalement unserer ›modernen‹, d.h. gegenwärtigen Wirklichkeit, in der die Bildsprache des Fernsehens die Linearität des geschriebenen, gedruckten Wortes zu ersetzen scheint.«

Hans Keilson in seiner Dankrede »Das Wirkliche erzählbar machen«
Hans Keilson und Peter Sloterdijk nach der Preisverleihung
© Foto: Isolde Ohlbaum