Den Umfang der Literatur ermessen: die Begründung der neuen Preise. 1963 - 1965

»Der Umfang der Literatur« – unter diesem Titel begann die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung im Herbst 1963 ein neues Veranstaltungsprogramm. Im Präsidium hatte Dolf Sternberger im Juli vorgeschlagen, das »literarische Thema« für einige Zeit in den Mittelpunkt zu rücken und bei den Tagungen in Vorträgen und Gesprächen »die verschiedenen Gattungen und Begriffe abzustecken« und derart »das Literaturbewußtsein zu fördern«. Bei der Herbsttagung hielt Sternberger am 19. Oktober 1963 dann auch das Einführungsreferat, das die Konturen des neuen Programms absteckte.

Angeregt durch diese Überlegungen zu einem, den gesamten Bereich der Literatur erkundenden Veranstaltungszyklus reifte im Präsidium in den folgenden Monaten der Plan heran, dem Büchner-Preis, der sich seit 1951 sehr erfolgreich entwickelt hatte, weitere Preise an die Seite zu stellen. Im Frühjahr 1964 legte Akademiepräsident Hanns W. Eppelsheimer in diesem Gremium ein erstes Konzept vor. Bereits im Herbst 1964 wurde die Idee öffentlich gemacht und erstmals wurden auch zwei neue Preise vergeben.

»Wir müssen auf Neues sinnen, um Ansehen zu erobern«, hatte Hanns W. Eppelsheimer gefordert, schon bald nachdem er im Frühjahr 1963 zum Präsidenten gewählt worden war. Die mutigen Entscheidungen der Akademie über die Büchner-Preisträger dieser Jahre waren ebenso wie das neue Programm zum »Umfang der Literatur« und die aufkommenden Überlegungen, weitere Preise zu begründen, Ausdruck dieser Neuorientierung. Für die Arbeit der Akademie sollten neue Themen und Aufgaben erschlossen und ihren Aktivitäten eine größere öffentliche Resonanz verschafft werden.

Preisverleihung 1963, v. l. Ernst Schütte (hessischer Kultusminister),
Hans Magnus Enzensberger (Büchner-Preisträger),
Hanns W. Eppelsheimer (Akademiepräsident)
© Foto: Pit Ludwig

Zunächst galt es, den geplanten Neuerungen ihre institutionellen Grundlagen zu sichern. Vor dem Verwaltungsausschuss des Fördererkreises, der in diesen Jahren den Haushalt der Akademie verwaltete, musste der Präsident über alle Planungen Rechenschaft ablegen. So trug er am 16. April 1964 dem Gremium auch die Idee vor, neue Preise ins Leben zu rufen. Die Resonanz war einhellig positiv und der Verwaltungsausschuss bot sogar an, sich um die Preisgelder zu bemühen, »damit die Preise schon im Herbst 1964 erstmals verteilt werden können«.

Ein paar Tage später, am 22. April, berichtete Eppelsheimer dann dem Präsidium von der Zustimmung, die sein Vorschlag im Verwaltungsausschuss erfahren hatte, und erläuterte der Runde seine Pläne. Gegen die Neuerung, gleich mehrere neue Preise zu schaffen, wurden daraufhin jedoch auch besorgte, kritische Stimmen laut. Befürchtet wurden eine »Preismüdigkeit« und ungewollte Hierarchien zwischen den Preisen, die die »Gleichrangigkeit des Literarischen zerstören« könnten. Dolf Sternberger schlug daher einen »großen Prosa Preis« vor, oder aber, den Büchner-Preis »einmal einem Poeten, dann einem Prosaisten, dann einem Politiker und schließlich einem Wissenschaftler zu verleihen«.

Erweitertes Präsidium, 22. April 1964, Anwesenheitsliste
W. E. Süskind, Dolf Sternberger, Kasimir Edschmid, Fritz Usinger,
Hanns W. Eppelsheimer, Richard Gerlach, Gerhart Pohl

Hanns W. Eppelsheimer hielt dagegen, dass die Vielfalt der Preise einer kontinuierlichen Förderung der verschiedenen literarischen Bereiche diene und damit den Anspruch der Akademie, »in das literarische Leben lenkend einzugreifen«, untermauern könne. Das Thema begleitete die Präsidiumssitzungen im Frühjahr des Jahres 1964, nach wiederholter Diskussion fiel schließlich die Entscheidung für die Einrichtung der »kleineren Preise«, die bereits im Herbst erstmals vergeben werden sollten.

Die Finanzierung der geplanten Preise war zunächst jedoch keineswegs gesichert, vielmehr nahm Hanns W. Eppelsheimer sofort vielfältige Bemühungen auf, Stifter zu gewinnen, teilweise noch bevor das Präsidium in die Pläne eingebunden war. An den hessischen Kultusminister Ernst Schütte schrieb er schon am 28. Dezember 1963: »Wie ich mir das denke, darüber hätte ich - eh‘ ich’s meinen gelegentlich etwas bocksbeinigen Kindern sage, gerne einmal mit Ihnen gesprochen.« Neben der Stadt Darmstadt, die von Anbeginn an in die Überlegungen eingebunden war, wurde das Gespräch vor allem mit den Darmstädter Unternehmen Merck und HEAG gesucht.

So wandte sich Akademiepräsident Eppelsheimer am 12. April 1964 an Karl Merck: »Ich hätte den Feldzug gern mit einem Johann Heinrich Merck Preis für Kritik eingeleitet, was in jeder Hinsicht für Darmstadt, die Akademie und die literarische Situation in Ordnung wäre«. Eppelsheimer wollte das Mitglied der Darmstädter Industriellenfamilie und Vorsitzenden des Aufsichtsrats der E. Merck AG als Förderer für die neu geschaffene Auszeichnung gewinnen, eine Hoffnung, die sich zunächst nicht erfüllen sollte.

Die neuen Preise wurden am 17. Oktober 1964 zum ersten Mal verliehen. Im Frühjahr hatte Hanns W. Eppelsheimer noch befürchtet: »Solche Preise gibt es noch nicht; sie zu verleihen, ist das gute Recht einer literarischen Akademie, aber wenn man irgendwo auf diese Idee kommt, stiehlt man uns die Schau und verbaut uns den Weg.« Nun war dieses Feld von der Akademie besetzt worden und ein wichtiger Schritt hin auf das gesetzte Ziel einer »aktiven Literaturpolitik« gemacht. In einer Pressemeldung und in persönlichen Briefen an einige Feuilletonredaktionen waren kurz vor der Tagung die »neuen Akademie-Preise« vorgestellt worden.

Dabei unterschied sich 1964 der Ablauf der Preisverleihung im Rahmen der Herbsttagung vollständig von den heutigen Gepflogenheiten. Nicht nur, dass damals auch der Preis für Germanistik im Ausland verliehen wurde, der später als Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Literatur im Ausland fester Bestandteil der Frühjahrstagungen werden sollte. Anders war vor allem auch die deutliche Hierarchie der Preise: Nur für den Georg-Büchner-Preis wurde am 17. Oktober 1964 in der Orangerie eine Laudatio gehalten, auf die die Preisträgerin Ingeborg Bachmann mit einer Dankrede antwortete. Die neuen Preise hingegen wurden damals ohne Laudatio und ohne Dankrede vom Präsidenten der Akademie überreicht.

Mit dieser deutlichen Unterscheidung trug die Akademie den Vorbehalten innerhalb des Präsidiums Rechnung, den wiederholt vorgebrachten Warnungen, die neuen Preise könnten den herausgehobenen Rang des Büchner-Preises beschädigen. Erst nach einigen Jahren sollte diese strikte Hierarchie im Ablauf der Preisverleihungen allmählich gelockert werden.

Die Verleihung der neuen Preise war im Herbst 1964 eher überstürzt vorgenommen worden. In den folgenden Monaten wurde nun ein Statut für die Preise entworfen und im Präsidium diskutiert. Am 22. April 1965 wurde der Entwurf im Erweiterten Präsidium beraten und beschlossen und anschließend bei der Mitglieder­versammlung während der Frühjahrstagung 1965 verabschiedet. Die verschiedenen Fassungen des »Statuts für die Preise neben dem Büchnerpreis« dokumentieren den Verständigungs­prozess über die Aufgaben, die den neuen Preise im Rahmen der »Literaturpolitik der Akademie« zugedacht waren.

Preisverleihung in der Orangerie, Darmstadt, 17. Oktober 1964
Foto: Pit Ludwig

Für die Preisverleihung im Rahmen der Herbsttagungen waren in dem »STATUT für die Preise neben dem Büchner-Preis« vier Preise vorgesehen: für Kritik, für wissenschaftliche Prosa, für Essay und für die kleine Form. Nur zwei der neuen Preise konnten jedoch mit einer einigermaßen gesicherten Finanzierung rechnen. Für den Sigmund-Freud-Preis hatte sich die HEAG für mehrere Jahre als Förderer verpflichtet und der Johann-Heinrich-Merck-Preis für Kritik wurde damals durch die Stadt Darmstadt finanziell gesichert.

»Auf gewissenhafte Übersetzer, kompetente Kritiker und vorbildliche Essayisten hinzuweisen, ist weniger spektakulär als die Akkumulierung von Namen, denen man als solchen Dauer anzusehen hofft. Aber für die deutsche Sprache, die täglich gesprochen, geschrieben und gedruckt wird, für die Umgangssprache, von der Karl Kraus sagte, daß sie entsteht, ›wenn sie mit der Sprache nur so umgehn‹, für diese Sprache sind die ›kleinen‹ Preise, ihre Absicht und ihre mögliche Wirkung viel wichtiger.«
Petra Kipphoff, »Lichtgestalten im düsteren Land. Zur Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt«, in: DIE ZEIT, 15. Oktober 1965
DIE ZEIT 43 / 1964, 23. Oktober 1964
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