2017: Jens Bisky
»Jens Bisky ist einer der maßgeblichen öffentlichen Intellektuellen in Deutschland. Sein kritischer Journalismus hat über Fragen von Literatur, Kunst und Kultur hinaus immer gesellschaftliche Zusammenhänge im Blick. Jens Bisky verbindet eine stupende Bildung mit dem sensiblen Gespür für unterschiedliche Formen der Ausgrenzung, getragen von der eigenen Lebenserfahrung deutsch-deutscher Geschichte. Seine stilistische Brillanz und weltläufige Aufmerksamkeit werden begleitet und moderiert von einer klugen Besonnenheit, die ihn bei aller Schärfe des Urteils zu einer der verlässlichsten Stimmen in den Debatten der Gegenwart macht.«
Begründung der Jury
Steffen Martus in seiner Laudatio
Dauer: 3:05 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Heinrich Detering und Jens Bisky
bei der Übergabe der Urkunde, 28. Oktober 2017
© Foto: Isolde Ohlbaum

»Seinen Texten geht es um die Sache, nicht um sich selbst, um die Erklärung von großen Zusammenhängen mit feiner Unterschiedsempfindlichkeit und um das Verstehen des Besonderen ohne falsches Verständnis. Seine Artikel und Beiträge verfügen über eine beträchtliche Thesenenergie, verzichten aber auf Bescheidwissertum. Ihre Formulierungslust lebt von einer tiefsitzenden Abneigung gegen Sprach- und Gedankenkonfektion. Jens Bisky schätzt Darstellungen, die über Eigenschaften verfügen, zu denen man sich verhalten muss: Gegenwärtigkeit, Anschaulichkeit, Verständlichkeit, Prägnanz und Erfahrungsgehalt.«

Steffen Martus in seiner Laudatio

»Was suchen Rezensionen in der Zeitung? Wir mögen uns daran gewöhnt haben, nahezu täglich auf dafür reservierten Plätzen Literatur bedacht und bewertet zu sehen, aber eine Merkwürdigkeit ist dies doch. Es könnte anders sein.«

»Zeitungsrezensionen zeigen die Kritik im Werktagskittel, mal ist er schlecht geflickt, mal fleckig, mal fehlt ein Knopf, manchmal sitzt er schief oder passt überhaupt nicht. Es wird gelobt oder unblutig exekutiert; Hauptsache, die Fracht kommt pünktlich, bis zur Deadline. Im Hin und Her zwischen den Erfordernissen professioneller Kritik und den Anforderungen des Zeitungsbetriebs, zwischen allgemeiner Öffentlichkeit und Spezialisten, im Dauergeplauder würde das Sonntagskleid nur stören. Wie auch immer kostümiert, der Zweck gleicht dem, den schon Wieland und Merck mit ihrem Merkur verfolgten: dass die Leute, dass wir alle, besser lesen und besser streiten lernten.«

Aus der Dankrede von Jens Bisky
»Rezensionen sind jedenfalls selten das Produkt eines einsam mit sich und seinem Thema Ringenden. (...) wenn es heute unter Zeitungsartikeln einen Abspann gäbe, wie er in Filmen üblich ist, der die an der Entstehung Beteiligten verzeichnete, stünden da stets mehrere Namen.«
Jens Bisky in seiner Rede
Jens Bisky in seiner Dankrede
Dauer: 3:23 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Jens Bisky trägt sich nach der Preisverleihung in das Goldene Buch
der Stadt Darmstadt ein, hinten: Büchner-Preisträger Jan Wagner
© Foto: Isolde Ohlbaum

»Man muss seine Gegner ernst nehmen, darf sie nicht einfach denunzieren. (...) Die ›vertrauten Einteilungen‹ in ›oben‹ und ›unten‹, ›links‹ und ›rechts‹ oder ›West‹ und ›Ost‹ helfen hier offenkundig nicht weiter. Wohl aber die Haltung, die Jens Bisky charakterisiert. Es bedarf der Anschauung: Die therapeutisch verständnisvolle Berücksichtigung von ›Sorgen und Ängsten‹ infantilisiere und verniedliche ›Zorngemeinschaften‹, die schlicht die Macht anstrebten. Der Blick, fordert Jens Bisky, müsse sich schärfen und die ›sozialen Räume‹ ausleuchten, ohne die Wirklichkeit an die ›Sozialstatistik‹ auf der einen Seite und die ›Skandalreportage‹ auf der anderen zu verraten. Durch Konkretion verdampfen Ideologien. Es bedarf ästhetischer Analyse: Weil die ›politische Kultur‹ auf dem Spiel steht, muss die Regierungskunst Stilfragen bedenken. Es ist fatal, auch nur in der Tonlage die ›alten Vorstellungen von Staat und Machbarkeit‹ künstlich zu beatmen. Diesem Versprechen von Handlungsmacht wird die Politik nicht gerecht werden können und erzeugt daher selbst jenen Verdruss, von dem der Populismus sich nährt.«

Steffen Martus in seiner Laudatio
Jens Bisky, Ernst Osterkamp und Heinrich Detering am 27. Oktober 2017
vor dem Podiumsgespräch zwischen Jens Bisky und Barbara Stollberg-Rilinger (Freud-Preis)
über das Thema »Männerstaat und Frauenherrschaft. Geschichte und Geschlecht im 18. Jahrhundert«
© Foto: Isolde Ohlbaum