1992:
Benjamin Henrichs
»ein ernstes Spiel«

Acht Namen stehen für den Merck-Preis auf der Liste, die das Erweiterte Präsidium am 7. Februar 1992 für seine Beratungen im Mai über die drei Herbstpreise vorbereitet hat. Die Liste wird direkt nach dem Termin an alle Mitglieder des Gremiums verschickt. In seinem Einladungsschreiben zur entscheidenden Sitzung am 20. Mai und zum »informellen Vorgespräch« am Vorabend erinnert Herbert Heckmann noch einmal an diese Diskussionsgrundlage.

Als das Erweiterte Präsidium am 20. Mai sich nach dem Büchner-Preis und dem Freud-Preis schließlich dem Merck-Preis zuwendet, entscheidet die Runde zunächst, nur noch über drei der ursprünglich acht Vorschläge ausführlich zu beraten: Benjamin Henrichs, Hans Egon Holthusen, Karl Markus Michel. Als Grundlage einer Entscheidung für Benjamin Henrichs gebe es, so Ivan Nagel, nur ein BuchBenjamin Henrichs: »Beruf Kritiker: Rezensionen, Polemiken, Liebeserklärungen«, München, Wien 1978 und seine »ständigen Theaterkritiken in der ›ZEIT‹«. Eine Entscheidung für Hans Egon Holthusen wäre eine »nachgetragene Ehrung«, wiederholt Herbert Heckmann einen Vorbehalt, der bereits in früheren Sitzungen vorgebracht worden war. Karl Markus Michel wiederum sei, hält das Protokoll fest, »ein legitimer Adorno-Schüler von absoluter Eigenständigkeit, ein unabhängiger Kopf«. Das Gespräch konzentriert sich auf Henrichs und Holthusen, in der entscheidenden Abstimmung erhält Henrichs fünf Stimmen und Holthusen vier. Für die Laudatio auf Benjamin Henrichs sollen »Theaterleute« gefragt werden, ebenso wie für den zuvor bestimmten Büchner-Preisträger George Tabori. Ivan Nagel will sich darum bemühen.

Herbert Heckmann, Hans Wollschläger, Herman Dieter Betz (Hessen),
Ivan Nagel, Hanno Helbling, Günter de Bruyn, Peter Benz (Darmstadt),
Peter Wapnewski, Hartmut von Hentig, Lea Ritter-Santini,
Oskar Pastior, Walter Helmut Fritz

Protokoll, Seite 9

30. April 1992, Seite 1

30. April 1992, Seite 2

Protokoll, Seite 1

Protokoll, Seite 7

Protokoll, Seite 8
Am Tag nach der Sitzung schickt Herbert Heckmann ein Telegramm an das Büro von Benjamin Henrichs, nachdem er ihn telefonisch nicht erreichen konnte. Nach seiner Rückkehr in die Redaktion in Hamburg meldet Henrichs sich dann persönlich bei Heckmann und dankt für die ihm zuerkannte Ehrung. Die Kommunikation mit dem Preisträger übernimmt nun wie immer das Büro in Darmstadt. Gerhard Dette informiert Henrichs über die Abläufe bei der Preisverleihung und die von ihm erwartete Dankrede.
Bald setzt auch die Arbeit an den Formulierungen des Urkundentexts ein und Ivan Nagel bemüht sich um eine Klärung, wer die Aufgabe des Laudators am 10. Oktober übernehmen wird. Es gelingt ihm, Ulrich Wildgruber für die Laudatio zu gewinnen.


Benjamin Henrichs
dessen präzise Neugier und fühlender Sachverstand dem deutschen Theater und der deutschen Publizistik gleichermaßen nützen. Alle Diskretion seiner Haltung und Sprache können nicht verdecken, daß für den Kritiker Benjamin Henrichs Ästhetik eine Frage der Ethik ist. Seine Bewunderung gilt der Gabe des Schauspielers, das volle Glück und Elend eines Menschen zur Erscheinung zu bringen. Sein Protest trifft Autoren und Regisseure, die den Schauspieler zur Gliederpuppe ihrer Ansichten und Absichten erniedrigen.«
(v. r.) Ulrich Wildgruber, Martina Gedeck, Benjamin Henrichs,
Wolf Biermann (Laudator George Tabori), Pamela Biermann,
Ursula Höpfner-Tabori, George Tabori
© Foto: Barbara Aumüller
»Entzücken, Begeisterung, Enthusiasmus, – wenn Benjamin Henrichs einmal etwas wirklich gefällt, zu gefallen scheint, was auf den Brettern, die einen geraumen Teil der Welt bedeuten, sich ereignet, dann kann es geschehen, daß er sich in einen Cherubim verwandelt. Diese Fähigkeit, sich zu begeistern und dadurch, daß er dieser Begeisterung in oft unverwechselbaren und deshalb gern zitierten Sätzen Ausdruck zu geben vermag, wiederum Begeisterung zu erwecken, dieses Gran von Dionysischem, das manchmal mitschwingt in seinen Betrachtungen und Rezensionen einer Kunst, der das
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Wörtchen Rausch ja nicht nur ein drohendes ist, sondern ein von altersher vertrautes, ein aufzusuchendes, eine Schutzimpfung gegen den Rest der Welt, dieses merkwürdig Verwandte, (...) diese Herzblutnähe also, sind es wohl vor allem, die Theatermacher und Theatergucker hellhörig werden lassen und aufmerksam, wenn Benjamin Henrichs schreibt.«

© Foto: Barbara Aumüller
»Der Kritiker, als Nachfahre Clavigos betrachtet, ist ein immerzu Verliebter, ein ewiger Verräter. Seine Arbeit: ein ernstes Spiel. Das heißt, er möchte keinem der beiden Heere angehören, die zur Zeit um die Beute namens ›Kritik‹ erbittert kämpfen. Nicht dem unaufhaltsam wachsenden Haufen der Servicejournalisten und Kulturjockeys, deren Gewerbe nicht mehr die Kritik ist, sondern der schnelle Verbrauchertip. Aber auch nicht dem dahinschwindenden Häuflein der tapferen Pädagogen, der ästhetischen Erzieher, kurzum: der wahrhaft Tugendhaften. Wenn es dem Kritiker
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gelingt, sich etwa gleich weit entfernt zu halten vom bunten Lärm der Jahrmärkte wie vom grauen Staub der Schulstuben, dann spielt er sein Spiel einigermaßen richtig. Und wird es spielen bis zum Ende – das ist des Spielers Lohn und Fluch.«

Pamela Biermann, Wolf Biermann, Benjamin Henrichs
© Foto: Barbara Aumüller