1994:
Peter Demetz
»liberale Energie«

Auf der vom Erweiterten Präsidium am 21. Januar zusammengestellten Liste stehen 11 Kandidatinnen und Kandidaten für den Merck-Preis 1994: Sybille Cramer, Peter Demetz, Peter Gülke, Helmuth Karasek, Karl Markus Michel, Karl Mickel, Hugo Loetscher, Eckhart Nordhofen, Jens Reich, Dieter Wellershoff und Dieter E. Zimmer. Die Beratungen in der Sitzung am 3. März erfordern dann jedoch viel weniger Zeit, als es diese lange Vorschlagsliste erwarten ließe. Das Protokoll hält kurze Plädoyers fest, von Norbert Miller für Peter Demetz - »ein genuiner Essayist« - und von Ivan Nagel für Karl Mickel, dessen Essays »in ihrer Konzentration sehr aufregend« seien. Herbert Heckmann und Norbert Miller schätzen ebenfalls Mickels Essays. Für eine Beschäftigung mit den anderen Vorschlägen findet sich kein Hinweis im Protokoll - vielmehr schlagen Ivan Nagel und Eckhard Heftrich nun vor, »dieses Jahr Peter Demetz auszuzeichnen, von dem jeder dachte, er habe bereits den Merck-Preis bekommen, und Karl Mickel auf das nächste Jahr zu verschieben«. So geschieht es dann auch, Peter Demetz wird einstimmig zum Merck-Preisträger 1994 gewählt.

Anwesenheitsliste; Herbert Heckmann, Hans Wollschläger,
Iso Camartin, Elisabeth Borchers, Eckhard Heftrich,
Herman Dieter Betz (Hessen), Peter Benz (Darmstadt),
Ivan Nagel, Norbert Miller


Protokoll, Seite 1

Protokoll, Seite 4

Protokoll, Seite 5
Direkt nach der Sitzung versucht Herbert Heckmann den Preisträger zu kontaktieren, die Nachricht erreicht Peter Demetz dann schließlich in Wien, bei seiner Frühstückslektüre - durch eine Notiz in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«. Am 10. März antwortet Demetz und dankt nicht nur dem Präsidenten, sondern schreibt ebenfalls an Gerhard Dette, der ihm in der Zwischenzeit auch ›seinen‹ Brief geschickt hat.
Für die Laudatio wird Reinhard Baumgart gewonnen, worüber Gerhard Dette am 13. Juli Peter Demetz informiert. Dieser bestätigt ihm dann Anfang August, er werde sich mit Baumgart »wunschgemäß« Mitte August in Verbindung setzen. »Aber es sollte nicht schwierig sein, unsere Texte aufeinander abzustimmen« - ein eher ungewöhnlicher Austausch.




»Peter Demetz, der Kritiker, beteiligt uns an einem Gespräch, das er mit einem Werk, mit einem Autor, aber auch mit sich selbst führt. Das Gespräch bleibt offen, orientiert an der Offenheit des Essays, der auch zu nichts so entschlossen ist wie zu seiner Unendgültigkeit. Populisten mögen das für ein Zeichen von Schwäche und Unentschiedenheit halten. Ich würde es lieber mit Peter Demetz, der diese Formel für den wahrhaft streitbaren Gutzkow geprägt hat, ›liberale Energie‹ nennen. Solche Zurückhaltung auf festem Standpunkt ist heute selten geworden.«

Dauer: 3:56 Minuten
in das Goldene Buch der Stadt Darmstadt ein
© Foto: Peter Hönig
»Ja, ich vermute, daß auch seine frühe Erfahrung, nirgends ganz zu Hause und mit sich selbst nicht ganz und gar identisch zu sein, diese Lesereisen ins Unbekannte und Unerwartete wesentlich motiviert hat. Lesend überprüft dieser Kritiker – wie jeder, der mehr sein möchte als ein Gutachter – seine eigenen Erfahrungen mit den fremden, den imaginierten. Woraus schon folgt, daß für Peter Demetz nicht nur die jeweiligen Werke in Frage stehen, die Glaubwürdigkeit, ja Wahrheit ihrer ästhetischen Struktur, sondern immer auch die Autorenpersonen, deren Lebensgeschichte hineinverflochten ist in die Geschichte dieses Jahrhunderts. Eine autorenlose, eine aus der Geschichte herausgefallene Literatur der namenlosen, nur noch mit sich selbst murmelnden Diskurse – sie würde diesen Neugierigen wohl kaum interessieren.«