2003:
Klaus Theweleit

Die eigene Welt erfinden

Klaus Theweleit bei seiner Dankrede am 25. Oktober 2003
© Foto: Isolde Ohlbaum

Die Sitzung des Erweiterten Präsidiums am 11. Mai 2003 beginnt mit der Beratung über den Johann-Heinrich-Merck-Preis*Die Diskussion zum Sigmund-Freud-Preis folgt danach. Die Jury-Sitzung für den Büchner-Preis ist an den Schluss verlegt worden, da die Vertreter des Landes Hessen und der Stadt Darmstadt erst am Vormittag eintreffen werden. , auf der Liste stehen zunächst Ludger Lüttkehaus, Henning Ritter, Günther Rühle, Klaus Theweleit und Rolf Vollmann. Neue Vorschläge werden nicht gemacht und auch von den Namen auf der »Backlist« wird keiner aufgerufen. Das Gespräch konzentriert sich bald auf drei Kandidaten: Henning Ritter, Günther Rühle und Klaus Theweleit. Nach »eingehender Diskussion« wird in »geheimer, schriftlicher Wahl« abgestimmt und Klaus Theweleit zum Merck-Preisträger 2003 gewählt.

Franziska Augstein wird in der Sitzung als Laudatorin vorgeschlagen. Klaus Theweleit, dem dieser Vorschlag kurz darauf von Gerhard Dette* in seinen letzten Wochen als Generalsekretär, bevor er die Akademie verlässt und in den Ruhestand geht unterbreitet wird, stimmt zu - und so wird Franziska Augstein am 25. Oktober die Laudatio halten.

Sitzung des Erweiterten Präsidiums (und der Jury Büchner-Preis),
11. Mai 2003, Anwesenheitsliste, Klaus Reichert,
Friedrich Christian Delius, Ilma Rakusa, Harald Hartung,
Heinrich Detering, Uwe Pörksen, Peter Hamm, Peter von Matt,
Joachim Kalka, Konrad Schacht (Hessen), Peter Benz (Darmstadt)

»Dieser Autor ist ein Siedler, und jeder Siedler, der neues Land sucht, wird notwendig zum Entdecker. Manch ein Siedler erreicht noch etwas ganz anderes: Er wird Erfinder. Das ist – am Ende – das Bezaubernde an den Arbeiten Klaus Theweleits: Daß sie ihre eigene Welt erfinden.«

Franziska Augstein in ihrer Laudatio »Nach Amerika rudern«
Aus der Laudatio von Franziska Augstein
Dauer: 3:56 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Franziska Augstein und Klaus Theweleit
© Foto: Isolde Ohlbaum

»Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay 2003 Klaus Theweleit für seine weit ausgreifenden kulturpsychologischen Essays, deren Ausgangspunkt das Verhältnis der Geschlechter ist, durch das die alten Themen der Liebe, des Todes und der Kunst in verblüffend neuer Konfigu­ration erscheinen; deren neue Form psychoanalytischer Geschichtsschreibung unbekümmert von wissenschaftlichen Fachgrenzen heterogenstes sprachliches und bildliches Material aufspürt, durch ihren sezierenden Blick, die Wucht der durchgeführten Thesen und die Kraft der Darstellung besticht und nicht nur die wissenschaftliche Öffentlichkeit aufgestört und angeregt hat.«

Urkundentext
Klaus Theweleit und Klaus Reichert
© Foto: Jürgen Bauer

In seiner Dankrede bezieht sich Klaus Theweleit nicht nur auf den Namensgeber des Preises, er knüpft auch an die Reden von zwei früheren Preisträgern an: »Ich spreche aus einem Dreieck heraus, gebildet von Johann Heinrich Merck, Peter Rühmkorf und Friedrich Dieckmann, genauer: deren Dankreden zum Preis aus den Jahren 1976 und 2001.« In der »schön verrückte(n) Rede« von Peter Rühmkorf findet Theweleit seine eigenen »Autor-Partialitäten« wieder, das, was er programmatisch als Titel seiner Rede gewählt hat, die »Auflösung festgefügter Schreibformen«.

Klaus Theweleit: Typoskriptrolle, aus den Vorarbeiten zu seinem
auf vier Bände angelegten Buch der Könige (1988ff.);
Exponat der Ausstellung "Geistesgegenwärtig. Johann-Heinrich-Merck-Preis und Sigmund-Freud-Preis 1964-2014: Szenen einer deutschen Kulturgeschichte«
© Deutsches Literaturarchiv Marbach

Und bei Friedrich Dieckmann beschäftigt ihn »das neue Licht«, das dieser »auf den Suizid von Johann Heinrich Merck geworfen« hat. »›Mercks Preis‹ hat Dieckmann seinen Text überschrieben. Nicht Preis, den jemand bekommt, sondern Preis, den jemand zu zahlen hat. Es wäre der Preis für jene Koppelung, die in eben diesem historischen Moment Ende des 18. Jahrhunderts in aufklärerischen Köpfen erfunden wird: der Preis für die Koppelung der eigenen individuellen Existenz mit den politischen Großereignissen der Zeit: zu sterben also für ein Abstraktum; für die Ideen und Ziele der französischen Revolution, so wie im 20. Jahrhundert so viele gestorben sind für die Ideen und Ziele der kommunistischen Revolutionen; und niemand kann sagen bis heute, ob das nicht alles ein bißchen sinnlos war.«

»Liegt es daran, daß man mit ›Essay und Kritik‹ einfach nicht so lange durchhält wie als hochdekorierter Hersteller großer Historiengemälde? Wer in Romanen denkt oder in vergleichbaren Großentwürfen der Menschengesellschaft − lebt einfach länger? Wie die Reihe der Goethes und Thomas Manns zu beweisen scheint gegenüber der Reihe der Büchners, Mercks oder auch Walter Benjamins. Wird man nicht recht alt, wenn man nicht auch etwas Roman-Talent hat im Zeilenfall des eigenen Lebens? Fragen

Klaus Theweleit in seiner Dankrede »Auflösung festgefügter Schreibformen«
Aus der Dankrede von Klaus Theweleit
Dauer: 5:51 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Franziska Augstein und Klaus Theweleit
während er Preisverleihung am 25. Oktober 2003
© Foto: Jürgen Bauer
Klaus Theweleit (Freiburg im Breisgau)
Aus der Serie »Arbeitsplätze«, 2013/14
© Foto: Isolde Ohlbaum