»Sie – die Texte – sollen so zart sein, dass sie gegen die Vereinfachungen ankommen.«
»Carolin Emckes Reportagen und Essays reflektieren extreme Erfahrungen von Gewalt und Ausgrenzung hierzulande und in Kriegsgebieten und Konfliktzonen in aller Welt. Sie tun das mit Mut und Sensibilität, frei von Sensationslust und getragen von dem Bemühen, den Sprachlosen Gehör zu verschaffen. Ihre Bücher verbinden genaueste Beobachtung und analytische Präzision mit erzählerischer Kraft. In ihnen wird literarische Meisterschaft zu einer Schule der Empathie.«
Begründung der Jury
Heinrich Detering und Carolin Emcke
© Foto: Isolde Ohlbaum

2014: Carolin Emcke

»Carolin Emcke geht es um Augenzeugenschaft als Direktheit, gerade angesichts von extrem vertrackten Zuständen. Denn solche komplizierten Orte sind es, von denen sie berichtet: Bürgerkriege. Flüchtlingslager. Krankenhäuser, in denen die zivilen Opfer vermeintlich chirurgisch präziser Militärschläge liegen. Therapiestationen für Folteropfer. Boys-and-girls-Tanzclubs. Deutsche Islamdebatten. Oder wenn der Bundestag über die Rechte gleichgeschlechtlicher Paare diskutiert. Oder der EU-Parlamentspräsident aus Auschwitz twittert. Kurz, wenn es sehr, sehr unübersichtlich wird.«

Valentin Groebner in seiner Laudatio am 25. Oktober 2014

»Carolin Emcke ist neugierig, aber rigoros. Sie ist streng, aber sehr branchée. Sie ist heiter, aber von großer moralischer Ernsthaftigkeit. Der ist es nicht egal, was passiert. Geschichte ist genauso wie die wirkliche Gegenwart das, was wir uns nicht aussuchen können. Die hat sich uns ausgesucht. Und davon, von diesen Unfreiwilligkeiten, jetzt, handeln die Texte dieser Berichterstatterin. Und dafür schreibt sie: um so genau und so bewegend wie möglich von denjenigen Teilen der deutschen Gegenwart zu erzählen, von denen man manchmal lieber nichts wissen möchte.«

Valentin Groebner in seiner Laudatio
Aus der Laudatio von Valentin Groebner
Dauer: 2:55 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Carolin Emcke und ihr Laudator Valentin Groebner
beim Empfang nach der Preisverleihung
© Foto: Isolde Ohlbaum

»Was hindert uns, etwas zu sehen, was hindert uns, in der Formulierung von Herta Müllers Großmutter, dorthin zu denken?Mich interessieren die Modalitäten des Weg-Schauens oder Weg-Denkens, die vielfältigen Gründe, deretwegen wir uns nicht dort-hin begeben, wo sich ein Phänomen betrachten und bemerken lässt, die epistemischen, emotionalen oder ideologischen Hindernisse für Einfühlungsvermögen und Empathie.«

Carolin Emcke in ihrer Dankrede
Aus der Dankrede von Carolin Emcke
Dauer: 2:58 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
© Foto: Isolde Ohlbaum

»Es gibt sympathische Gründe für das Weg-Denken, Motive, die jedem sofort einleuchten und die jeder sich einzugestehen vermag. Wir meiden das Hin-Denken aus Zuneigung, wenn wir die unangenehmen Eigenschaften einer geliebten Person nicht wahrnehmen wollen; wir meiden das Hin-Denken aus Hoffnung, wenn wir die Anzeichen der Aussichtslosigkeit einer Krankheit, eines eskalierenden Konflikts, einer Sucht nicht erkennen wollen; wir meiden das Hin-Denken aus Unwissenheit, wenn wir etwas sehen, es aber nicht als das erkennen, was es ist, weil wir nicht wissen, dass es so etwas gibt oder dass es so aussieht; wir meiden, das ist dann schon weniger

Mehr

sympathisch, auch das Hin-Denken aus Ressentiment, aus Rassismus oder Missgunst, wenn wir die Individualität, die Würde eines Menschen nicht sehen wollen, sondern sie nur noch im Kollektiv derer verhandeln, die anders aussehen, anders glauben oder anders begehren. All diese Formen des Weg-Denkens verdienen Beachtung. Für heute möchte ich mich nur einer einzigen widmen: dem Weg-Denken aus Angst vor dem Grauen, vor der Zumutung, die es bedeuten könnte, dorthin zu denken, wo es wehtut

Carolin Emcke in ihrer Dankrede
Gustav Seibt und Carolin Emcke, am 24. Oktober 2014
vor Beginn der Veranstaltung »Weil es sagbar ist«,
Herbsttagung der Akademie zum Thema »Vom Krieg erzählen«
© Foto: Isolde Ohlbaum
»Gaza Jan. 09, 2«, schreibt Carolin Emcke, enthält »eine der typischen und in dem Fall wichtigen Skizzen (…). Da geht es um eine Straßenszene, bei der ein Auto beschossen wurde, in dem ein Vater mit seinen beiden Söhnen saß. Der eine Sohn wurde sofort getötet, der zweite Sohn angeschossen. Der verwundete Sohn lag über zwölf Stunden in den Armen seines Vaters und verblutete schließlich – obgleich ein Krankenwagen nur 900 Meter entfernt stand. Aber nicht durchgelassen wurde. Um die Geschichte richtig zu verstehen und um einzuschätzen, von wo die Zeugen welche Sichtachsen hatten, habe ich (…) immer wieder solche Skizzen gemacht.«
Carolin Emcke: Notizbücher »Gaza Jan. 09, 2« und »Irak 2002 – 2«,
Leihgaben von Carolin Emcke in der Ausstellung »Geistesgegenwärtig.
Johann-Heinrich-Merck-Preis und Sigmund-Freud-Preis 1964-2014:
Szenen einer deutschen Kulturgeschichte«

»Entschuldigen Sie, wenn ich Sie so lange gequält habe mit dieser langsamen Betrachtung dessen, was niemand gern betrachtet. Aber nur, wenn wir Gewalt rekonstruieren, Moment für Moment, nur dann wird sie sichtbar als etwas Gewordenes, etwas von Menschen Gemachtes. Und nur dann ist sie auch als vermeidbare beschreibbar. Nur dann lassen sich auch all die Momente aufzeigen, an denen jemand hätte Nein sagen und aussteigen können. Nur wenn aus der monolithen Masse an Feinden einzelne hervortreten, nur wenn sie als einzelne linkshändige, schwankende Individuen erkennbar werden, nur dann lassen sie sich vielleicht in Zukunft auch erkennen, bevor sie zu Akteuren in mörderischen Spektakeln werden. Und nur dann, zu guter Letzt, beginnen wir zu fragen, was wir tun können, um ihnen eine andere Erzählung anzubieten, solange sie noch hier bei uns leben, eine, in der sie als Teil von uns gesehen werden, eine Erzählung mit anderem Horizont, eine, die zu erzählen keine Schmerzen bereitet.«

Carolin Emcke in ihrer Dankrede am 25. Oktober 2014
Carolin Emcke (Berlin)
Aus der Serie »Arbeitsplätze«, 2013/4
© Foto: Isolde Ohlbaum