1975:
Walter Höllerer
»ein wahrer
homme de lettres«

© ullstein bild - Sammlung Ruth Richter
Als das Erweiterte Präsidium am 1. Juli 1975 mit seinen Beratungen über den Johann-Heinrich-Merck-Preis beginnt, ist Horst Rüdiger sofort wieder mit seinem Vorschlag René Wellek zur Stelle. Offenbar geht die Runde darauf aber nicht länger ein; die Argumente zu diesem Kandidaten sind in den vergangenen Jahren mehrfach ausgetauscht worden, vor allem der Einwand, dass Wellek überwiegend nicht in deutscher Sprache veröffentlicht hat. Karl Krolow nennt für das weitere Gespräch die Namen Marcel Reich-Ranicki (»ein Beweger«) und Walter Höllerer. Peter de Mendelsohn erwähnt als neue Kandidatin Marianne Kesting.

Als sich eine Entscheidung zwischen Höllerer, Kesting, Reich-Ranicki und Wellek abzeichnet, bringt Dolf Sternberger noch einen weiteren Gesichtspunkt ins Spiel, der für Kesting sprechen könnte: »ich fände es ganz hübsch, wenn in der Palette eine Frau dabei wäre«. In der entscheidenden Abstimmung erhält Walter Höllerer dann die Stimmen von allen sieben anwesenden Mitgliedern des Erweiterten Präsidiums.

am 1. Juli 1975, Seite 6

Anwesenheitsliste; Peter de Mendelssohn, Horst Rüdiger,
Dolf Sternberger, Walter Helmut Fritz, Karl Krolow,
Manfred Ranft (Hessen), Geno Hartlaub, Rudolf Hagelstange,
Heinz Winfried Sabais (Darmstadt)

aus den handschriftlichen Notizen des Generalsekretärs
Ernst Johann, Seite 11

aus den handschriftlichen Notizen des Generalsekretärs
Ernst Johann, Seite 12

aus den handschriftlichen Notizen des Generalsekretärs
Ernst Johann, Seite 13

aus den handschriftlichen Notizen des Generalsekretärs
Ernst Johann, Seite 14

am 1. Juli 1975, Seite 1

am 1. Juli 1975, Seite 2

am 1. Juli 1975, Seite 5
In diesem Jahr soll nun für jeden der drei Preisträger eine Laudatio gehalten werden, die Dankreden der Geehrten waren seit 1972 bereits ein fester Bestandteil des Programms geworden. Ernst Johann weist am 2. Juli daher den gerade gekürten Merck-Preisträger nicht nur auf die von ihm erwartete Dankrede hin, er bittet ihn auch um einen Vorschlag für einen Laudator. Unabhängig von dieser Aufforderung an Walter Höllerer unternimmt Ernst Johann den Versuch, Walter Helmut Fritz als möglichen Laudator zu gewinnen - wie seinem Brief an den Präsidenten zu entnehmen ist. Als er jedoch mit Höllerer noch am 2. Juli telefoniert, nennt dieser ihm Ludwig Harig als seinen Wunschkandidaten. Harig, den Johann umgehend kontaktiert, sagt »mit Freuden ›ja‹«.





Im August beginnt dann auch wieder die Arbeit am Text der Urkunde. Sie wird von Ernst Johann koordiniert, der dabei einige Mitglieder des Präsidiums mit einbezieht. Der Akademiepräsident Peter de Mendelssohn schreibt hierzu am 18. August an Johann: »Überhaupt ist es wichtig, dass diese Texte klar, ohne Schwulst und mit einer gewissen formalen Eleganz formuliert sind.« Das sei in der letzten Zeit nicht immer so gelungen, die letzten hätten »etwas umständlich und hölzern« geklungen. Der nunmehr einsetzende Überarbeitungsprozess des Textentwurfs ist aufschlussreich.

In einem ersten Entwurf würdigt Wolfgang Weyrauch Höllerer als wahren »homme de lettres«, als einflussreichen »Kritiker, Lehrer, Lyriker, Romancier, Herausgeber«. Daraus werden dann in der folgenden Überarbeitung die »literarischen Aktivitäten« als »Anreger, Vermittler, Lehrer und Herausgeber« - »Lyriker« und »Romancier« sind durch die Konzentration auf das vom Merck-Preis umrissene Feld entfallen. Dabei hatte in der Sitzung des Erweiterten Präsidiums Horst Rüdiger das reiche Tätigkeitsfeld Walter Höllerers gerade als eine Entscheidungsgrundlage skizziert: »3 Leistungen: wissenschaftlich, künstlerisch, organisatorisch«.



handschriftlich: »gelesen K. Krolow«

»Ich nehme an, daß es wahr ist, daß Literatur, Kritik, daß kritische Literatur das verdrängte Leben als erfundenes, vorgestelltes Leben ›in das gesellschaftliche Bewußtsein zurückholen‹ kann. Ich nehme an, daß die Literatur an Ideengebäuden beteiligt ist, die einem festgefahrenen Zustand widersprechen, – und daß sie durch Momentaufnahmen, Geschichten, dramatische Handlungen den Ideengebäuden Modelle dessen, was gelebt werden kann, entgegenhält; – daß sie beides durch längere Gedankenspiele verbindet. Sie wirkt im einzelnen und insgesamt gesehen durch ihre Widersprüche. Ich nehme an, daß dies wahr ist, und daß sie wirklich Wirkungen hat. Die Hoffnung darauf kann ich nicht aufgeben. (...) Literatur, Kritik, kritische Literatur, – wenn eine Rede wie diese überhaupt einen Sinn haben soll, dann doch nur als Aufruf zur Bundesgenossenschaft: im Erinnern an Vorsätze, die gefaßt worden sind; und wie sie in die Enge geraten sind; und wie sie uns nicht abhanden kommen dürfen! ...

© Foto: »joc« (Günther Jockel)
... Bundesgenossenschaft: mit dieser Literatur ein Bündnis einzugehen, quer durch die Berufe, als Bundespräsident oder als Buchhändler, als Kollege am Arbeitsplatz, – oder wenn einer seinem Kind die ersten Geschichten erzählt. Ein notwendiges Bündnis: daß die Welt nicht noch mehr reglementiert wird, gegen das Wohlbefinden des einzelnen Gehirns, und gegen das Wohlbefinden der Leute insgesamt, – nicht noch mehr verödet wird, – und daß die lauthalsigen Stimmen nicht noch mehr im Recht vor denen sind, die weniger durchschlagskräftig, weil unterscheidender sind. Wie leben wir? – Wollten wir ein Kollegium gründen, ohne Segregierungen, und Einengungen, und ganz frei für die Tätigkeit, die wir für richtig hielten, – wir müßten uns zu Vögeln erklären, und uns als Vögel maskieren, und für uns Naturschutz in Anspruch nehmen. Weil dem aber nicht so ist, – weil wir nicht unter Naturschutz stehen, – ist uns aufgegeben, im Widerspruch gegen die Widersprüche zu schreiben, zu leben, – sie nicht abzukonterfeien, sondern ihnen glaubwürdig zu begegnen, – und das läuft auf unseren heftigsten Hauptwiderspruch hinaus: vor der Erkenntnis nicht zurückzuschrecken, und auf Lebensmöglichkeit bedacht zu sein.«Walter Höllerer in seiner »Darmstädter Rede vom Widerspruch« am 18. Oktober 1975
Peter de Mendelssohn hatte in seinem Brief an Ernst Johann darauf hingewiesen, dass darauf geachtet werden müsse, »dass die Laudatien und Preisträger-Reden am Nachmittag des 18. Oktober nicht zu lang ausfallen. Die ganze Veranstaltung sollte möglichst nicht länger als einhalb Stunden dauern, also bis ca 18 Uhr. Mehr kann man nicht aushalten.« Johann hatte in seinen Briefen an Walter Höllerer wie auch an dessen Laudator Ludwig Harig von einer Grenze von 10 Minuten für die Dauer jeder der beiden Reden gesprochen - und damit die vom Präsidenten gewünschten »nicht mehr als 20 Minuten höchstens« vorgegeben.

erstmalig mit Laudationes und Dankreden für alle Preise
Der Plan ging nicht auf, alle Redner überschritten bei der Preisverleihung die ihnen vorgegebene Redezeit. Die »Notizen über die Herbsttagung 1975 der Akademie«, die dem Präsidium für seine nächste Sitzung im Januar 1976 vorlagen, beginnen mit der Feststellung: »Für die Preisverleihungsfeier war eine Dauer von anderthalb Stunden angesetzt, sie dauerte aber zweieinviertel Stunden.« Alles sei dann doch zu sehr »den Eigenwilligkeiten der einzelnen Mitwirkenden« überlassen geblieben. Geboten sei »in Zukunft eine straffere Regie seitens des Präsidiums und des Generalsekretärs«.

© Foto: Renate von Mangoldt