1987:
Reinhard Baumgart

ein Letzter, Abschließender

»Ich habe wenig dagegen, ein Spätgekommener und Letzter, ein Abschließender zu sein ... Oft will mir unsere Gegenwartsliteratur, das Höchste und Feinste davon, als ein Abschiednehmen, ein rasches Erinnern, Noch-einmal-Heraufrufen und Rekapitulieren des abendländischen Mythos erscheinen, – bevor die Nacht sinkt, eine lange Nacht vielleicht und ein tiefes Vergessen.«
Mit diesem Zitat Reinhard Baumgarts beginnt am 17. Oktober 1987 Michael Krüger seine Laudatio
Reinhard Baumgart, am 17. Oktober 1987
© Foto: Peter Hönig

Am 22. Januar 1987 berät das Erweiterte Präsidium über die Kandidatinnen und Kandidaten, die auf die Liste für die Beratungen über den Büchner-, den Freud- und den Merck-Preis am 27. April gesetzt werden. Das Protokoll hält fest: Reinhard Baumgart, Hans Mayer (nach Intervention von Dolf Sternberger zurückgezogen), Lothar Baier, Hans Maier, Wolf Jobst Siedler, Werner Ross, außerdem aus der Sitzung des vergangenen Jahres noch Joachim Fest und Marcel Reich-Ranicki. Bei der Sitzung im April zieht Lea Ritter-Santini ihren Vorschlag Hans Maier für den Merck-Preis zurück, neu genannt wird von Dolf Sternberger als Kandidat Johannes Gross. Das Protokoll hält zu jedem der Genannten kurz die Argumente pro und contra fest. In der ›endgültigen Abstimmung‹ stehen Reinhard Baumgart und Wolf Jobst Siedler zur Wahl, die Entscheidung fällt mit acht Stimmen für Baumgart, bei einer für Siedler.

Protokoll der Sitzung des Erweiterten Präsidiums am 22. Januar 1987, Seite 7,
Liste der Kandidaten für die Jurysitzung am 27. April

Am 30. April schreibt Gerhard Dette an Reinhard Baumgart und bestätigt ihm »gewissermaßen offiziell«, was er »durch ein Telefonat des Präsidenten bereits« erfahren hat: »daß nämlich die Deutsche Akademie Ihnen den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay 1987 zuerkannt hat«. Wie immer enthält der Brief die wichtigsten praktischen Informationen und die Bitte, einen Laudator für die Preisverleihung vorzuschlagen. Diese Aufgabe übernimmt dann Michael Krüger, der auch von Dette gebeten wird, den Urkundentext zu entwerfen.

»Hans Magnus Enzensberger hat zu Beginn dieses Jahres das Verschwinden des Berufsstandes ›Literatur-Kritiker‹ festgestellt, er sei in der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft überflüssig geworden wie so viele andere Berufsstände auch. Ich habe also, wenn Enzensberger recht hat, das Vergnügen, im Namen unserer Akademie einen der Letzten, Abschließenden der Gattung zu ehren: Reinhard Baumgart. Wie er selber heute über den Stand der Literaturkritik denkt, weiß ich nicht, aber es ist daran zu zweifeln, daß er erfüllt sieht, was er vor genau 20 Jahren in seiner Poetikvorlesung in Frankfurt sich erträumt hat: ›In dieser vermuteten Zukunft wäre Kritik nicht mehr etwas neben der Literatur, also Zuschauer, Aufsichtsperson, Schiedsrichter, sondern selbst das, wovon sie handelt: Literatur, und das heißt heute: Recherche, auf der Suche nach Orientierung, noch nicht angekommen.‹«

Michael Krüger in seiner Laudatio
Andruck der Urkunde für Reinhard Baumgart

»Totgesagtes lebt besonders lange, heißt es. Auch die Literatur, schon vor zwanzig Jahren zur Mumie erklärt, hat uns das inzwischen bewiesen. Und sicher sind solche Untergangsorakel so ganz ernst nie gemeint, sondern auch als Köder, Spielzeug, Reizstoff: hier ist mein starkes, glänzendes Argument – wer bietet dagegen? Ich also biete nicht – nicht hier und heute. Lieber lasse ich mich wieder einmal ergreifen von meiner alteingesessenen Sympathie für eine – gesetzt den Fall – verlorene Sache und ergreifen vom Merck-Preis, der so etwas Vergängliches und Untergehendes auch noch fördern will. Den siegreichen Sachen wird ja ohnehin und triumphal geholfen, im Himmel und auf der Erde, von Göttern und Medien, Zeit- und Weltgeist.«

Reinhard Baumgart in seiner Dankrede
»Denn der Essay – und also auch eine Kritik, die bei ihm in die Schule geht – er scheut vor allem eines: das Fixundfertige, jede Endgültigkeit. Er wird nie einen Gegenstand ›erledigen‹. Dazu fehlt es ihm an beidem, an Haß wie an Pedanterie. Was nicht etwa heißt, daß er immer nur mit Zartgefühl, Schonung, einer nachsichtigen Liebe operiert. Im Gegenteil: Passion ist das Klima, in dem er gedeiht. Er ›verfolgt‹ seine Gegenstände und das auch im aggressiven Sinn des Wortes, er kann und soll sie beuteln, sie aufbrechen und ausweiden, auf Herz und Nieren prüfen. Und er ›bekniet‹ sie – was für ein herrliches Wort, wenn man es wieder einmal wortwörtlich nimmt. Wer etwas ›bekniet‹, demonstriert ja dreierlei: Hingabe, Zudringlichkeit, aber auch eine Haltung, die nicht so leicht umzuwerfen ist. So hingerissen und so fest wünsche ich mir Literatur, aber auch ihre Kritik. Denn aus alldem geht schon hervor, daß der Essay, und also auch eine ihm nachschreibende literarische Kritik, daß beide Aktionen sind oder sein wollen, Sprachhandlungen, Sprachtätigkeiten wie die Literatur auch, Argumentationserzählungen, Argumentationsdramen.
Das mag schwärmerisch klingen, hochfahrend und entsprechend ungenau. Zwar läßt sich, was ich meine, auch bescheidener, demütiger ausdrücken, aber eine Arbeitsanweisung für den Rezensentenalltag wird trotzdem nicht daraus. Denn ich wünsche mir, subjektiv und für mich, tatsächlich ein kritisches Lesen und Schreiben, das sich auf immer weniger Bücher immer geduldiger, genauer, neugieriger einlassen könnte, mit immer mehr Zeit für ein Aufschauen vom Buch und Blatt, um aufmerksam zu bleiben für die Bewegung des fremden Textes im eigenen Kopf, für die von ihm aufgereizte, bewegte eigene Lebens- und Lesererfahrung.«
Reinhard Baumgart in seiner Dankrede
Reinhard Baumgart in seiner Vorstellungrede
vor dem Kollegium der Akademie
bei der Frühjahrstagung 1984
Dauer: 6:35 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Preisverleihung am 17. Oktober 1987
© Foto: Brigitte Colin