1987:
Reinhard Baumgart
ein Letzter, Abschließender

© Foto: Peter Hönig
Am 22. Januar 1987 berät das Erweiterte Präsidium über die Kandidatinnen und Kandidaten, die auf die Liste für die Beratungen über den Büchner-, den Freud- und den Merck-Preis am 27. April gesetzt werden. Das Protokoll hält fest: Reinhard Baumgart, Hans Mayer (nach Intervention von Dolf Sternberger zurückgezogen), Lothar Baier, Hans Maier, Wolf Jobst Siedler, Werner Ross, außerdem aus der Sitzung des vergangenen Jahres noch Joachim Fest und Marcel Reich-Ranicki. Bei der Sitzung im April zieht Lea Ritter-Santini ihren Vorschlag Hans Maier für den Merck-Preis zurück, neu genannt wird von Dolf Sternberger als Kandidat Johannes Gross. Das Protokoll hält zu jedem der Genannten kurz die Argumente pro und contra fest. In der ›endgültigen Abstimmung‹ stehen Reinhard Baumgart und Wolf Jobst Siedler zur Wahl, die Entscheidung fällt mit acht Stimmen für Baumgart, bei einer für Siedler.

Liste der Kandidaten für die Jurysitzung am 27. April

Protokoll, Seite 6

Bernhard Zeller, Hans Paeschke, Helmut Heißenbüttel, Lea Ritter-Santini,
Dolf Sternberger, Peter Benz (Darmstadt), Ernst Zinn, Günter Busch,
Hans-Martin Gauger, Beda Allemann, Herman Dieter Betz (Hessen),
Herbert Heckmann

und die Vertreter von Darmstadt und Hessen
in der Büchner-Preis-Jury, 2. April 1987, Seite 1

und die Vertreter von Darmstadt und Hessen
in der Büchner-Preis-Jury, 2. April 1987, Seite 2

Protokoll, Seite 1

Protokoll, Seite 5
Am 30. April schreibt Gerhard Dette an Reinhard Baumgart und bestätigt ihm »gewissermaßen offiziell«, was er »durch ein Telefonat des Präsidenten bereits« erfahren hat: »daß nämlich die Deutsche Akademie Ihnen den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay 1987 zuerkannt hat«. Wie immer enthält der Brief die wichtigsten praktischen Informationen und die Bitte, einen Laudator für die Preisverleihung vorzuschlagen. Diese Aufgabe übernimmt dann Michael Krüger, der auch von Dette gebeten wird, den Urkundentext zu entwerfen.



»Hans Magnus Enzensberger hat zu Beginn dieses Jahres das Verschwinden des Berufsstandes ›Literatur-Kritiker‹ festgestellt, er sei in der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft überflüssig geworden wie so viele andere Berufsstände auch. Ich habe also, wenn Enzensberger recht hat, das Vergnügen, im Namen unserer Akademie einen der Letzten, Abschließenden der Gattung zu ehren: Reinhard Baumgart. Wie er selber heute über den Stand der Literaturkritik denkt, weiß ich nicht, aber es ist daran zu zweifeln, daß er erfüllt sieht, was er vor genau 20 Jahren in seiner Poetikvorlesung in Frankfurt sich erträumt hat: ›In dieser vermuteten Zukunft wäre Kritik nicht mehr etwas neben der Literatur, also Zuschauer, Aufsichtsperson, Schiedsrichter, sondern selbst das, wovon sie handelt: Literatur, und das heißt heute: Recherche, auf der Suche nach Orientierung, noch nicht angekommen.‹«

»Totgesagtes lebt besonders lange, heißt es. Auch die Literatur, schon vor zwanzig Jahren zur Mumie erklärt, hat uns das inzwischen bewiesen. Und sicher sind solche Untergangsorakel so ganz ernst nie gemeint, sondern auch als Köder, Spielzeug, Reizstoff: hier ist mein starkes, glänzendes Argument – wer bietet dagegen? Ich also biete nicht – nicht hier und heute. Lieber lasse ich mich wieder einmal ergreifen von meiner alteingesessenen Sympathie für eine – gesetzt den Fall – verlorene Sache und ergreifen vom Merck-Preis, der so etwas Vergängliches und Untergehendes auch noch fördern will. Den siegreichen Sachen wird ja ohnehin und triumphal geholfen, im Himmel und auf der Erde, von Göttern und Medien, Zeit- und Weltgeist.«

Das mag schwärmerisch klingen, hochfahrend und entsprechend ungenau. Zwar läßt sich, was ich meine, auch bescheidener, demütiger ausdrücken, aber eine Arbeitsanweisung für den Rezensentenalltag wird trotzdem nicht daraus. Denn ich wünsche mir, subjektiv und für mich, tatsächlich ein kritisches Lesen und Schreiben, das sich auf immer weniger Bücher immer geduldiger, genauer, neugieriger einlassen könnte, mit immer mehr Zeit für ein Aufschauen vom Buch und Blatt, um aufmerksam zu bleiben für die Bewegung des fremden Textes im eigenen Kopf, für die von ihm aufgereizte, bewegte eigene Lebens- und Lesererfahrung.«
vor dem Kollegium der Akademie
bei der Frühjahrstagung 1984
Dauer: 6:35 Minuten
© Foto: Brigitte Colin