Gender
Als Hilde Spiel im August 1981 erfuhr, dass die Akademie ihr den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay zuerkannt hat, schickte sie nicht nur einen Dank, sondern kurz darauf noch einen knappen Brief an Gerhard Dette, den damaligen Generalsekretär. Sie konfrontierte ihn darin mit einer für die Vergabepolitik der Akademie, aber auch für die Strukturen des Kulturbetriebs insgesamt aufschlussreichen Frage: Ob denn vor ihr bereits eine Frau den Johann-Heinrich-Merck-Preis bekommen habe. Die Akademie musste ihr mit einem Nein antworten.

Bis zum Jahr 2000 sollten es nur zwei weitere Preisträgerinnen werden. 1985 wurde die Theaterkritikerin Sibylle Wirsing mit dem Merck-Preis geehrt. Die Urkunde sprach von »einer getreuen und gestrengen Wächterin des Berliner Geistes, deren Beschreibungen und Urteile durch blitzende Genauigkeit des Ausdrucks und durch den tapferen Ernst hervorragen, der sie bei ihrem kritischen Geschäft leitet«. Im Jahr 2000 folgte Silvia Bovenschen, die »scharfsichtige Beobachterin, (…) deren sprachmächtige Essays (…) ins Zentrum von Politik, Gesellschaft und Kultur vorstoßen«. 2004 erhielt dann die Schriftstellerin und Malerin Anita Albus den Merck-Preis, »die so viele Wunderkammern von Natur und Kunst erforscht hat«. Unter den zwischen 1964 und 2004 vergebenen vierzig Auszeichnungen finden sich also nur 4 Preisträgerinnen. Erst seit 2014 begannen Preisträgerinnen und Preisträger sich in einem ausgewogeneren Verhältnis abzulösen.
2019 erinnerte die Merck-Preisträgerin Daniela Strigl in ihrer Dankrede: »Unter den vielen illustren Namen auf der Ehrentafel des Merck-Preises ragt für mich jener der bewundernswürdigen Wiener Kritikerin und Essayistin Hilde Spiel heraus, die 1981 nach sechzehn Preisträgern die erste Preisträgerin war.« Damit waren nicht nur die lange Zeit von Männern geprägten Strukturen des kritischen Geschäfts benannt, das zielte auch auf die Preispolitik der Akademie und die Entscheidungsprozesse in der Jury, die über Jahrzehnte ein Spiegel dieser Verhältnisse waren.

Daniela Strigl zitierte die Dankrede von Hilde Spiel, in der diese, »ohne seinen Namen zu nennen«, eine Charakterisierung weiblicher Produktivität durch Marcel Reich-Ranicki aufgerufen hatte. Dieser habe »die Dichterinnen als die ›Sachwalterinnen des Unbewußten und des Irrationalen, des Schwärmerischen und des Märchenhaften‹ bezeichnet«, und Hilde Spiel habe mit feinem Spott hinzugefügt, »es scheine ›keineswegs erwiesen‹, daß ›Frauen weniger geistesstark, daß sie schwärmerischer und emotionaler sind als Männer‹«.
