Geld - oder: die Bedingung der Möglichkeit der Ehrung
Der Johann-Heinrich-Merck-Preis wurde zunächst von der Stadt Darmstadt finanziert. Sie war 1964 eingesprungen, nachdem sich in den Monaten zwischen der Entscheidung, »die Preise neben dem Büchnerpreis« einzurichten, und der geplanten Verleihung des Merck-Preises im Herbst kein anderer Träger für die neue Auszeichnung gefunden hatte.
Die Hoffnungen, die der Akademiepräsident Hanns W. Eppelsheimer gleich bei der Einrichtung des Merck-Preises in ein Engagement von Karl Merck, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der E. Merck AG, gesetzt hatte, wurden zunächst nicht erfüllt. Dabei wurde bei Merck durchaus darüber nachgedacht, wie das Unternehmen sich hier engagieren könnte. Mit der Gründung der Merck'schen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft im Jahr 1968 schien sich hier ein Weg zu eröffnen.1968 stellte Fritz Ebner, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit bei Merck, verwundert fest, dass im Rahmen der Herbsttagungen zwei mit dem Namen Merck verbundene Preise auftauchten: die seit 1955 vergebene Johann-Heinrich-Merck-Ehrung der Stadt Darmstadt und der 1964 geschaffene Johann-Heinrich-Merck-Preis der Akademie. So erhielt im Herbst 1967 bei der Preisverleihung zunächst Dolf Sternberger aus den Händen des Oberbürgermeister Ludwig Engel die Merck-Ehrung der Stadt Darmstadt und kurz darauf würdigte der Akademiepräsident Gerhard Storz den Merck-Preisträger der Akademie Werner Weber. 1968 war es der Akademiepräsident Gerhard Storz, der vom Oberbürgermeister die Merck-Ehrung der Stadt erhielt, anschließend ehrte wiederum Storz den Merck-Preisträger Georg Hensel der Akademie. Diese merkwürdige Doppelung der mit dem Namen Merck verbundenen Auszeichnungen sorgte innerhalb des Unternehmens, das an beiden Preisen in keiner Weise beteiligt war, für Irritationen - und führte zu der Frage, ob der Direktor Emmanuel W. Merck dieses Thema bei der Stadt einmal anschneiden könnte. Doch es sollte noch fast 20 Jahre dauern, bis sich die Stadt Darmstadt aus der Finanzierung des Preises zurückzog und das Unternehmen Merck als Träger des Preises an die Stelle trat.



»Wir müssen auf Neues sinnen, um Ansehen zu erobern.«
Diesen »Feldzug« wolle er gerne mit einem
»Johann Heinrich Merck Preis für Kritik« einleiten.



am 29. Oktober 1968 an Karl Stangenberg: »Seit Jahren berührt
es mich seltsam, daß die Akademie und die Stadt sich hierbei
des Namens MERCK bedienen ohne unser Zutun.«
© Merck KGaA, Corporate History
Dotiert war der Preis in den ersten Jahren mit 6.000 DM. Damit war für den Johann-Heinrich-Merck-Preis ein deutlicher Abstand zum Georg-Büchner-Preis gewahrt, für den 15.000 DM bereitstanden. Die Sorge um das Verhältnis zwischen dem Büchner-Preis, dem »große(n) Preis der Akademie«, und den neu geschaffenen »kleineren Preisen« bestimmte in den nächsten Jahren alle Diskussionen über die finanzielle Ausstattung der Preise. 1977 wurde dann aber doch das Preisgeld auf 10.000 DM erhöht, auch um den Unterschied zum mittlerweile mit 20.000 DM dotierten Georg-Büchner-Preis nicht allzu eklatant werden zu lassen.
Am 17. Oktober 1987 plädierte der Vertreter des Bundes Hartmut Vogel in der Sitzung des Kuratoriums der Akademie, dass »den literarischen Preisen auch im Hinblick auf deren finanzielle Ausstattung mehr Glanz verliehen werden müsse«. Mit »der für das Jahr 1988 beschlossenen Erhöhung der sogenannten Nebenpreise der Akademie« auf 15.000 DM sei hier ein Anfang gemacht. Der seit 1982 mit 30.000 DM ausgestattete Büchner-Preis müsse aber »auch finanziell denjenigen Rang erhalten, der seinem literarischen Ansehen entspricht«. Die Initiative fand große Unterstützung in der sich anschließenden Diskussion. Hans Joachim Langmann, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Firma Merck, brachte einen für die weitere Entwicklung wichtigen Gedanken ins Spiel: sein Unternehmen könnte die »Finanzierung des Merck-Preises teilweise oder ganz« übernehmen, so dass die hierfür gebundenen Mittel der Stadt für eine Erhöhung des Büchner-Preises frei werden.

© Merck KGaA, Corporate History


Protokoll, nahezu die gesamte Sitzung begleitet das
Thema der finanziellen Situation der Akademie. Bei
der Aussprache über den Bericht des Präsidenten
bringt Hans Joachim Langmann seinen Vorschlag ein.



Hans Joachim Langmann hatte im Herbst 1987 im Kuratorium die Möglichkeit eröffnet, »über den Johann-Heinrich-Merck-Preis eine größere Summe an die Akademie fließen zu lassen«. Nachdem der Gesellschafterrat der E. Merck seiner Initiative am 23. Oktober 1987 zugestimmt hatte, konnte Hans Joachim Langmann am 26. April 1988 dann offiziell erklären, E. Merck werde künftig die Finanzierung des Preisgeldes für den Johann-Heinrich-Merck-Preis übernehmen – damals ein Betrag von 15.000 DM. Damit war die Stadt Darmstadt, die bisherige Trägerin des Preises, entlastet und konnte sich gemeinsam mit dem Bund und dem Land Hessen an der für 1989 geplanten Aufstockung des Georg-Büchner-Preises auf 60.000 DM beteiligen.

Bereits im Herbst 1988 führte die Dotierung der Preise jedoch erneut zu Diskussionen im Präsidium, nachdem Dolf Sternberger seinen bereits mehrfach geäußerten Vorbehalt gegenüber einer zu großen Kluft in der Ausstattung der Herbstpreise wiederholt hatte. Er habe bereits von »vorneherein Bedenken gehabt, die Akademiepreise so unterschiedlich zu dotieren«. Seine Vorbehalte waren in der Runde bereits mehrfach »wohlwollend« diskutiert worden. 1986, also bereits zwei Jahre zuvor, hatte der Akademiepräsident Herbert Heckmann die einhellige Überzeugung der Präsidiumsmitglieder zusammengefasst, »daß alles darangesetzt werden solle, die Preise höher zu dotieren, vor allem den Merck- und Freud-Preis«.
Nun, in der Sitzung am 13. Oktober 1988, monierte Dolf Sternberger, »daß der Abstand von Merck- und Freud-Preis (mit je DM 15.000,--) zum ab 1989 mit DM 60.000,-- dotierten Büchner-Preis zu groß sei«. Er plädiere »für eine gleichmäßige Dotation aller Herbstpreise: je DM 30.000,--«, zumindest aber für eine deutliche Erhöhung des Johann-Heinrich-Merck- und des Sigmund-Freud-Preises. Herbert Heckmann erklärte daraufhin, dass er für die Erhöhung aller Akademiepreise eine Zusicherung habe, nur solle mit dem Georg-Büchner-Preis der Anfang gemacht werden, auch wenn dies zunächst faktisch eine Degradierung der anderen Preise bedeute. Dolf Sternberger erwiderte, aus diesem Grund müssten Gespräche mit den Hauptspendern geführt werden, um eine Erhöhung auch des Merck- und des Freud-Preises zu erreichen: »mindestens von DM 15.000,-- auf DM 30.000,--«. Die anderen Präsidiumsmitglieder unterstützten ihn, das »Gefälle von DM 60.000,-- zu DM 15.000,--« sei unhaltbar. Herbert Heckmann versprach daraufhin, er wolle mit den Hauptspendern über dieses Problem sprechen.

Lea Ritter-Santini, Georg Hensel, Hans-Martin Gauger, Herbert Heckmann,
Guntram Vesper, Hartmut von Hentig
1991 erhöhten die Unternehmen Merck und HEAG die Dotierung des Johann-Heinrich-Merck- und des Sigmund-Freud-Preises auf 20.000 DM. Das Verhältnis zwischen der Ausstattung des Büchner-Preises und den beiden anderen im Herbst verliehenen Auszeichnungen blieb jedoch ein Thema, innerhalb der Akademie, aber auch im Gespräch mit den Trägern des Merck- und des Freud-Preises.




Direkt nachdem das Jahr 1999 mit der Feier des 50. Geburtstags der Akademie vorüber war, wandte sich der Präsident Christan Meier am 13. Januar 2000 an die Mitglieder des gerade neu gewählten Erweiterten Präsidiums. Er konfrontierte die Runde mit der Frage, ob die Akademie nicht manches besser machen könne und müsse: »Versäumen wir es, Aufgaben zu erfüllen, die wir eigentlich hätten?« In seinen vertraulichen »Überlegungen zur Akademie« stellte Meier fest: »Während in den ersten Jahrzehnten Aufgaben und Sinn der Akademie diskutiert worden sind, scheint in der zweiten Hälfte der bisherigen 50 Jahre in dieser Hinsicht eher Selbstverständlichkeit und Routine vorgeherrscht zu haben.«

bei der Herbert Heckmann als Akademiepräsident von Christian Meier abgelöst wurde.
© Foto: Barbara Aumüller
Als herausragende Leistung der Akademie nannte Meier in seiner kritischen Bilanz auch die Preise, vor allem den Georg-Büchner-Preis. Beim Johann-Heinrich-Merck-Preis falle allerdings auf, dass er »eher zu beliebig ausgeteilt« werde, und der Sigmund-Freud-Preis bedenke zwar verdiente Gelehrte, habe aber seinen Sinn, »gute wissenschaftliche Prosa auszuzeichnen und damit dieser Prosa bessere Bedingungen in Deutschland zu schaffen« nicht regelmäßig im Blick gehabt. Dies war ein deutlicher Anstoß, sich im Erweiterten Präsidium wieder Gedanken über Aufgaben und Profil der von der Akademie vergebenen Preise zu machen.
Zugleich begann die Akademie wieder einmal mit Verhandlungen über die Dotierung ihrer Preise. Zunächst ging es darum, die Entwicklung der Akademiepreise der sich verändernden Preislandschaft in Deutschland anzupassen. Eine Erhöhung des Preisgeldes für das »Flaggschiff Büchner-Preis« schien dringend geboten, aber auch die anderen Preise sollten durch eine bessere Ausstattung gestärkt werden. Der Zeitpunkt schien zwingend, denn demnächst stand die Umstellung aller Preisgelder auf Euro-Beträge bevor.
Am 26. Oktober 2000 beriet vor diesem Hintergrund das Erweiterte Präsidium über die »Erhöhung der Preis-Dotationen im Jahr 2001«. Das Ziel sollte sein, den Büchner-Preis von 60.000 DM auf 75.000 DM zu erhöhen. Auch der im Frühjahr vergebene und vom Land Hessen finanzierte Johann-Heinrich-Voss-Preis für Übersetzung sollte von 20.000 DM auf 25.000 DM erhöht werden, schließlich wurde sogar ein Betrag von 30.000 DM zur Unterstützung der Übersetzerinnen und Übersetzer ins Auge gefasst. Für den Merck- und Freud-Preis wollte es das Präsidium zunächst bei 20.000 DM belassen. Mit der Umstellung der Preisgelder auf Euro-Beträge im Jahr 2002 war dann für den Büchner-Preis eine Dotation von 40.000 Euro und für den Voß-Preis von 15.000 Euro geplant - wenn die öffentlichen Geldgeber diesen Plänen zustimmen. Für den Merck-Preis und den Freud-Preis sahen die Planungen ein Preisgeld von 12.000 Euro vor, später dann war von 12.500 Euro die Rede.

Im Jahr 2002 hoben die Preisstifter Merck KGaA und HEAG dann im Zuge der Umstellung der Preisgelder die Dotation des Johann-Heinrich-Merck-Preises und des Sigmund-Freud-Preises jeweils auf 12.500 Euro an.
2013 folgte dann eine weitere Anhebung des Johann-Heinrich-Merck-Preises für literarische Kritik und Essay, nunmehr auf 20.000 Euro. Den Anstoß lieferte wieder einmal die Erhöhung des Georg-Büchner-Preises. Dessen Dotierung war 2011 zunächst durch eine private Spende und ab 2013 dann durch die Beiträge der öffentlichen Geldgeber von 40.000 Euro auf 50.000 Euro angehoben worden. Durch die nun vorgenommene Erhöhung des Merck-Preises sollte der Abstand zum Büchner-Preis nicht noch stärker anwachsen. Das Preisgeld wurde und wird weiterhin von der Merck KGaA getragen.

bei der Preisverleihung am 26. Oktober 2013
© Foto: Isolde Ohlbaum
Im Rahmen einer umfangreichen Evaluation der Akademie und aller ihrer Aktivitäten war ein paar Jahre später dann die Dotierung der Preise ein Gegenstand der Begutachtung, so auch des Johann-Heinrich-Merck-Preises. Ausgehend von einem Vergleich der im deutschsprachigen Raum vergebenen Preise mit einem vergleichbaren Profil kam die Kommission in ihrem abschließenden Bericht im August 2020 zum Ergebnis: »Die in den letzten Jahren veränderte Landschaft von Auszeichnungen herausragender Leistungen zeigt die Notwendigkeit, sich mit Profil und Höhe einzelner Preise anderer Akteure auseinanderzusetzen. Die Kommission regt an, dass die DA (gemeint ist: die Akademie) die von ihr vergebenen Preise in ihrem jeweiligen zumindest nationalen Umfeld und Konkurrenzgeflecht profiliert und – dies flankierend – mit den Zuwendungsgebern und Stiftern über eine mögliche Erhöhung der Preisgelder verhandelt. Die Auszeichnungen der DA haben vielfach eine hohe historisch gewachsene Reputation. Diese unstrittige symbolische Wertschätzung sollte sich auch in der Dotierung widerspiegeln. (…) Die Höhe der Preisgelder sollte der herausgehobenen Bedeutung und Reputation von Auszeichnungen durch die DA im deutschsprachigen Raum entsprechen.«